Birdie | Ausgabe 9 April 2026

Warum mentale Energie, Regeneration und innere Balance auf dem Golfplatz oft entscheidender sind als Technik oder der nächste neue Driver. Ein Gespräch mit dem hannoverschen Arzt Dr. med. Frank Wassmuth. Bilder: Dr. Frank Wassmuth Wie aus einem normalen Golfausflug im April 2025 ein unvergessliches Erlebnis wurde! Morgens im Hotel schauten wir noch in den wolkenverhangenen Himmel. Das sollte sich aber noch ändern. Unser Taxifahrer holte uns früh morgens ab und brachte uns auf direktem Weg zum Golfclub. Sehr freundlich wurden wir begrüßt und unser Cart war schon mit gekühlten Getränken und reichlich Eis startklar. Wer Golf nur für einen Spaziergang über gepflegte Fairways hält, hat wahrscheinlich noch nie versucht, nach einer stressigen Woche konzentriert 18 Löcher zu spielen. Denn Golf verlangt etwas, das im Alltag vieler Menschen knapp geworden ist. Mentale Energie. Genau darüber spricht Dr. med. Frank Wassmuth aus Hannover. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Neurologie sowie Arzt für funktionelle Medizin und Mikrobiologie. In seiner Arbeit beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie körperliche und mentale Leistungsfähigkeit entstehen, wie sie verloren gehen und wie sie sich wieder aufbauen lassen. Golf ist für ihn dabei ein besonders spannendes Beispiel. Kaum eine andere Sportart macht so deutlich sichtbar, wie eng körperliche Verfassung, mentale Energie und Konzentrationsfähigkeit miteinander verbunden sind. Viele Golfer suchen Verbesserungen zuerst beim Schwung, beim Training oder beim Material. Ein neuer Driver, ein neuer Putter, vielleicht noch ein paar zusätzliche Stunden beim Pro. Doch aus Sicht von Dr. Frank Wassmuth greifen diese Ansätze oft zu kurz. Technik spielt natürlich eine Rolle. Aber sie erklärt längst nicht alles. Ein zentraler Gedanke seiner Arbeit lautet, dass das Gehirn im Grunde ähnlich funktioniert wie ein Muskel. Es verfügt über Energiereserven, die im Laufe eines Tages verbraucht werden. Diese Reserven müssen sich regenerieren. Wenn das nicht passiert, sinkt die Leistungsfähigkeit. Genau das erleben viele Menschen heute, oft ohne es bewusst wahrzunehmen. In jungen Jahren fällt das kaum auf. Wer frisch aus der Schule oder dem Studium kommt, hat meist noch große Reserven. Mit zunehmenden Arbeitsjahren verändert sich das. Nicht unbedingt, weil das Alter selbst alles verändert, sondern weil über viele Jahre hinweg Energie verbraucht wurde, ohne dass ausreichend Regeneration stattgefunden hat. Wer dauerhaft unter Belastung steht, startet oft schon mit weniger mentaler Energie in den Tag. Und genau diese Energie ist es, die auf dem Golfplatz plötzlich entscheidend wird. Denn Golf ist ein Sport, der stark von Konzentration lebt. Ein Spieler verlernt nicht von heute auf morgen, wie man einen Golfschläger hält oder einen Ball trifft. Was sich verändert, ist die Fähigkeit, das eigene Können im richtigen Moment abzurufen. Deshalb sieht man im Golf immer wieder enorme Unterschiede von Runde zu Runde. Ein Spieler kann an einem Tag Text: Jörg Palm „Das Ziel der ganzheitlichen Psychotherapie ist die Wiedererlangung der persönlichen Freiheit in der Entscheidungsfindung“ In seiner Arbeit beschreibt Dr. Frank Wassmuth ein Modell, das er das „innere Entscheidungs-Parlament“ nennt. Entscheidungen entstehen demnach nicht nur rational, sondern aus dem Zusammenspiel verschiedener innerer Kräfte. Dazu gehören unter anderem Instinkt, Verstand, Moral, Loyalität, Gefühle, Angst, Gewohnheiten sowie erlernte Regeln aus der Erziehung. Diese inneren Stimmen beeinflussen gemeinsam, wie wir handeln. Wenn einzelne Faktoren zu dominant werden, etwa Perfektionismus, Angst oder die Suche nach Anerkennung, kann das zu Stress, Überlastung und mentaler Erschöpfung führen. Das Ziel einer ganzheitlichen Therapie ist es deshalb, Menschen wieder mehr Freiheit in ihren Entscheidungen zu ermöglichen. Das Entscheidungs-Parlament im Kopf DR. FRANK WASSMUTH| MENTAL HEALTH 79 Birdie01|2026 www.birdie-magazin.de

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